Wissenstransfer

Wissenstransfer in der Produktion — wie Sie das Wissen Ihrer erfahrenen Mitarbeiter:innen sichern, bevor es in Rente geht

Bis etwa 2036 erreichen 12,9 Millionen Erwerbstätige in Deutschland das Renteneintrittsalter (Destatis, Pressemitteilung 8/2022). Bereits 2035 wird laut Destatis-Vorausberechnung (12/2025) rund jede vierte Person 67 Jahre oder älter sein. Im Maschinenbau und im industriellen Mittelstand übersetzt sich diese Verschiebung in eine konkrete Hallenrealität: in jeder zweiten Werkhalle geht in den nächsten zehn Jahren ein:e Vorarbeiter:in, ein:e Werker:in oder ein:e Schlosser:in in Rente — und nimmt Wissen mit, das nirgendwo dokumentiert ist. Klassische Übergabegespräche, Word-Dateien im Netzlaufwerk und die kurze Schatten-Einarbeitung der Nachfolgerin kommen an diese Wissenslücke nicht heran. Wer Wissenstransfer in der Produktion ernst meint, muss früher und systematischer ansetzen — am Punkt der Tätigkeit selbst.

Warum klassische Wissenssicherung scheitert

In den meisten Mittelstandsbetrieben besteht Wissenssicherung aus drei Bausteinen: einem Übergabegespräch zwischen ausscheidender und nachrückender Kraft, einer mehrwöchigen Schatten-Einarbeitung an der Linie und — im besten Fall — einer Word-Datei mit Stichworten zur Tätigkeit. Jeder dieser Bausteine löst ein Stück des Problems, keiner trifft den Kern.

Übergabegespräche fokussieren auf Aufgabenlisten, Ansprechpartner und Sondervorgänge — sie greifen das explizite Wissen ab, nicht das implizite Können. Schatten-Einarbeitung zeigt zwar das tatsächliche Tun, ist aber nicht beliebig wiederholbar; was die Nachfolgerin in der zweiten Woche übersehen hat, ist nach der Verabschiedung nicht mehr verfügbar. Und Word-Dokumentation scheitert systematisch an genau den Bewegungen, die sich nicht in Worte fassen lassen: das Drehmoment, das die erfahrene Kollegin „fühlt“; die Reihenfolge bei einer Sondervariante; die Stelle, an der das Werkzeug regelmäßig klemmt. Wer dieses Wissen bewahren will, braucht ein Medium, das das Tun selbst zeigt — nicht eine Beschreibung des Tuns.

Implizites Wissen — das, was im Kopf bleibt

In der Wissensmanagement-Forschung wird zwischen explizitem und implizitem Wissen unterschieden. Explizites Wissen lässt sich aufschreiben: eine Stückliste, eine Drehmoment-Vorgabe, eine Sicherheitsregel. Implizites Wissen — auch tacit knowledge genannt — entsteht durch jahrelange Wiederholung und ist schwer in Worte zu fassen. Rund 70 % des operativen Wissens in Industriebetrieben gilt — je nach Quelle abweichend — als implizit. In jeder seriösen Untersuchung ist es der dominierende Anteil.

Im Maschinenbau wird dieser abstrakte Begriff sehr konkret. Es ist das Drehmoment, das ein erfahrener Monteur an der Schraube ohne Drehmomentschlüssel spürt, weil seine Hand 15 Jahre lang dasselbe Bauteil verschraubt hat. Es ist die Reihenfolge, in der ein Kabelbaum verlegt wird, damit der Deckel später ohne Nacharbeit passt. Es sind die kleinen Justagen am Sondermaschinen-Aggregat, die nur die Person kennt, die es seit der Inbetriebnahme betreut. Diese Bausteine erscheinen den Erfahrungsträger:innen selbst so selbstverständlich, dass sie weder in der Übergabe noch in der Doku-Sitzung erwähnt werden — und genau deshalb verschwinden sie zuerst.

Wissen am Punkt der Tätigkeit sichern

Implizites Wissen lässt sich nicht in retrospektiven Interviews einsammeln. Es entsteht — und verschwindet — am Punkt der Tätigkeit. Wer einen erfahrenen Werker drei Tage vor seinem letzten Schichttag in einen Besprechungsraum setzt und nach „den wichtigsten Tricks“ fragt, bekommt das Bewusste. Das Unbewusste — die zwei Sekunden, in denen die Hand korrigiert, bevor der Kopf das Problem registriert — bleibt im Werkstattalltag.

Eine Aufnahme während des Vorgangs ist eine der wenigen Methoden, die das tatsächliche Tun dokumentiert: die kleinen Bewegungen, die niemand bewusst beschreiben würde, weil sie selbstverständlich erscheinen; die Reihenfolge, in der eine erfahrene Werkerin drei Schritte parallel führt, statt sie nacheinander abzuarbeiten; das kurze Innehalten vor einem kritischen Drehmoment, das im Wortprotokoll keinen Platz findet. Was selbstverständlich erscheint, wird nicht aufgeschrieben — und genau das verschwindet bei der Übergabe. Wissenstransfer in der Produktion beginnt deshalb nicht im Schulungsraum, sondern an der Werkbank.

Vom Erfahrungsträger zum Anlern-Werkzeug

Das Verfahren ist im Kern sehr einfach. Die erfahrene Werkerin filmt ihre Tätigkeit einmal mit einer Stirnkamera aus dem Starter Kit — dieselbe Hand-Perspektive, in der die Tätigkeit später ausgeführt wird. Aus dieser Aufnahme entsteht eine strukturierte, mehrsprachige, schritt-genaue Arbeitsanweisung. Personen im Hintergrund und identifizierende Merkmale werden automatisch unkenntlich gemacht; die Anleitung lässt sich anschließend im Hub des Werks selbständig bearbeiten und aktualisieren.

Diese Anleitung wird zum Anlern-Werkzeug für jede Kollegin und jeden Quereinsteiger nach der ursprünglichen Vormacherin. Tablet am Arbeitsplatz, in der Muttersprache, auch ohne Netzempfang. Die ehemalige Vormacherin wird dadurch entlastet — sie muss denselben Standard nicht mehr zehnmal pro Schicht erklären — und ihr Erfahrungswissen bleibt dem Team erhalten, übersetzbar und durchsuchbar. Der Grundgedanke: einmal vormachen, beliebig oft nutzen.

Wissenstransfer und Fachkräftemangel — zwei Seiten derselben Münze

Wissenstransfer und Fachkräftemangel sind keine zwei getrennten Probleme, sondern zwei Seiten derselben Münze. 387.000 unbesetzte Fachkräftestellen meldete die Bundesagentur für Arbeit gemeinsam mit dem IW Köln zum Stichtag März 2025. 58 % der Mittelständler mit 100 bis 499 Mitarbeitenden gelten zugleich als Industrie-4.0-Nachzügler (Bitkom Industrie 4.0 Studie 2025). Das erhöht den Druck auf den Wissenstransfer doppelt.

Erstens kommen Quereinsteiger:innen zunehmend aus anderen Branchen oder Sprachräumen — sie brauchen Anleitung an der Linie, nicht nur eine Einweisung am ersten Tag. Zweitens werden die wenigen erfahrenen Vormacher:innen knapp; ihre Stunden dürfen nicht mehr in der wiederholten Standardausbildung versickern, sondern müssen für die anspruchsvollen Stellen reserviert bleiben. Wer Wissenstransfer systematisiert, gewinnt an beiden Enden gleichzeitig: Neue sind schneller produktiv, Erfahrene werden für das frei, was sie wirklich auszeichnet.

Was sich für erfahrene Kolleg:innen ändert

Wissenstransfer per Video ist kein Kontrollinstrument, sondern ein Sichtbarmachungs-Werkzeug. Wer einmal vor der Stirnkamera filmt, dokumentiert sein eigenes Können — sichtbar, übersetzbar, dauerhaft. Statt zehnmal am Tag denselben Standard zu erklären, bleibt Zeit für die anspruchsvollen Stellen, an denen Erfahrung wirklich entscheidet. Die anstrengende Wiederholungsarbeit wandert ins Tablet, die Wertschätzung bleibt bei der Person.

Für viele erfahrene Kolleg:innen verändert das auch den Übergang in den Ruhestand. Statt mit der stillen Sorge „ohne mich läuft das nicht“ aus dem Werk zu gehen, wissen sie, dass ihr Wissen in der Schicht bleibt — und dass sie sich vorher als Wissensträger:innen sichtbar gemacht haben. Wissenstransfer wird damit zum letzten produktiven Akt vor der Rente, nicht zur lästigen Pflicht in den letzten Wochen.

Wissenstransfer in der Produktion ist kein Projekt, das sich kurz vor dem Renteneintritt der ersten Schlüsselperson aus dem Boden stampfen lässt. Aber es ist auch kein Vorhaben, das einen Großwurf braucht. Wer mit einer einzigen kritischen Tätigkeit beginnt — der einen Sondermaschine, dem einen Rüstvorgang, der einen Übergabe — gewinnt schnell ein belastbares Bild davon, wie sich Erfahrungswissen am Punkt der Tätigkeit sichern lässt. Wenn Sie sehen möchten, wie aus einer Stirnkamera-Aufnahme eine fertige, mehrsprachige Anleitung wird, sprechen Sie uns gerne an. Ein erstes Gespräch klärt in der Regel innerhalb einer halben Stunde, ob das Verfahren zu Ihrer Halle passt — und wo Sie sinnvoll anfangen.

Häufige Fragen

Häufige Fragen zum Wissenstransfer in der Produktion

Antworten auf die häufigsten Fragen zu implizitem Wissen, Renteneintritt und Video-Arbeitsanweisungen.

Was ist tacit knowledge oder implizites Wissen?
Wissen, das durch Erfahrung entsteht und schwer in Worte zu fassen ist — Drehmoment-Gefühl, Reihenfolge-Routine, „Tricks am Sondermaschinen-Aggregat“, die nur die Person kennt, die das Aggregat seit Jahren betreut. In Industriebetrieben gilt rund 70 % des operativen Wissens als implizit, je nach Quelle abweichend. Es lässt sich am Punkt der Tätigkeit am besten dokumentieren — nicht im retrospektiven Übergabegespräch.
Was passiert mit dem Wissen, wenn ein:e erfahrene:r Kolleg:in geht?
Ohne Sicherung verschwindet ein erheblicher Teil dieses Wissens mit der Person. Eine Video-Arbeitsanweisung, vor dem Renteneintritt aufgenommen, hält das Erfahrungswissen im Unternehmen — übersetzbar, durchsuchbar, jederzeit aktualisierbar. Auch Jahre später kann eine neue Kollegin den Vorgang exakt so sehen, wie er einmal gefilmt wurde.
Wie lange dauert es, eine Tätigkeit zu dokumentieren?
Für die Werkerin oder den Vorarbeiter nur so lange wie der Vorgang selbst. Eine 30-minütige Tätigkeit ergibt eine 30-minütige Aufnahme — das anschließende Strukturieren, Übersetzen und Layouten übernimmt Montavis als Full-Service. Die Linie steht nicht still, niemand muss sich abends an einen Word-Editor setzen.
Funktioniert das auch mit Mitarbeiter:innen, die kein Deutsch sprechen?
Ja. Die fertige Anleitung wird in den Basissprachen Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch ausgeliefert; Mitarbeiter:innen folgen jedem Schritt direkt im Video, in ihrer Muttersprache. Die rechtliche Anforderung an verständliche Unterweisung (§12 Arbeitsschutzgesetz) wird dadurch im laufenden Betrieb mit erfüllt.
Müssen erfahrene Werker:innen jetzt zusätzlich Doku schreiben?
Nein, das ist genau der Punkt. Sie führen die Tätigkeit einmal vor der Stirnkamera aus — also genau das, was sie ohnehin können. Schreibarbeit, Strukturierung und Übersetzung übernimmt Montavis. Wer 30 Jahre lang an der Werkbank gearbeitet hat, soll nicht in den letzten Monaten zur Autor:in umgeschult werden.
Wie unterscheidet sich Wissenstransfer per Video von einem klassischen LMS oder E-Learning?
Ein LMS ist für Schulungs-Sitzungen ausgelegt — vor der Aufgabe, im Schulungsraum, mit Test am Ende. Wissenstransfer per Video läuft am Arbeitsplatz Schritt-für-Schritt mit. Microlearning am Punkt der Tätigkeit, nicht im Vorfeld einer Tätigkeit. Beide Ansätze ergänzen sich, beantworten aber unterschiedliche Fragen: das LMS klärt das Warum, die Video-Anweisung zeigt das Wie.

Mit welcher Tätigkeit würden Sie anfangen, wenn Sie heute Wissen sichern müssten?

Persönliche Antwort innerhalb von 24 Stunden. Kein Vertrieb-Funnel — Sie schreiben direkt an die Gründer.